Retromopszucht vom Bromberg
Genvielfalt - warum?

Genvielfalt - warum?

In der Natur basiert die Fortpflanzung auf dem Prinzip größtmöglicher genetischer Vielfalt Um dieses Ziel zu erreichen, bedient sie sich der Möglichkeit der ständig neuen Zusammenstellung und Vermischung von genetischen Möglichkeiten durch Sexualität. Die optimale genetische Vielfalt wird erhalten durch harte Selektion der Sexualpartner auf Leistungsfähigkeit, was Fitness und bestmögliche Anpassung eines Individuums an seine Umwelt betrifft.

In früheren Zeiten hat man Hunderassen genau auf diese, im Grunde der Natur sehr nahe kommenden Ziele hin gezüchtet. Man selektierte dabei aber auf bestimmte Nutzabsichten wie das Hüten, das Jagen oder den Schutz von Haus und Hof. Und man festigte dabei bestimmte erwünschte Eigenschaften über Engzucht, Inzucht und Inzestzucht. So entstanden dann aus den Allroundern der alten, sich frei fortpflanzenden Hundepopulation die ersten Spezialisten.

Diese Auslese der alten Züchter war sehr sinnvoll und in vielen Fällen vor allen Dingen hilfreich. Die genetische Vielfalt der Rassen war noch groß und die Gesundheit der einzelnen Individuen entsprechend gut. Hinzu kam ein bedeutender Umstand. Die Selektion der Hunde richtete sich hart und unerbittlich auf ihre Funktionalität. Wer kränkelte oder in irgendeiner Form nicht arbeitsfähig erschien, fiel der Merze zum Opfer. Dieser Faktor ersetzte unerbittlich die Selektion, die früher Mutter Natur getroffen hatte. (Die Merze ist in unserer Zeit selbstredend inakzeptabel. Sie soll aber hier angeführt werden, um den damaligen Auswahldruck zu verdeutlichen, der an Stelle der natürlichen Selektion getreten war.) Weiterhin waren damals die Züchter frei in der Entscheidung, zur Verbesserung ihrer Zuchtergebnisse Fremdrassen einfließen zu lassen. Auch dies brachte den Variationsmöglichkeiten durch Vergrößerung der genetischen Vielfalt nur Vorteile.

Dann kam eine Wende. Heute gibt es zwar viele Hunderassen, kaum eine wird jedoch noch für den Gebrauch gezüchtet. Der wichtige Faktor "Gebrauchsfähigkeit" als Existenzgrundlage fiel so weg. Mehr und mehr wurde rein auf Aussehen selektiert. Extreme wurden zu Zielen in der Zucht. Die Hunde wurden zu Riesen oder zu Zwergen. Das Haar wurde entweder überlang oder ganz weggezüchtet. Körperformen und Fellfarben schienen ein Spielball des Schöpfers Mensch zu werden. Der Gesundheitsaspekt fiel unter anderem wegen der fehlenden Notwendigkeit zur Auswahl auf Leistungsfähigkeit all zu leicht unter den Tisch.

Leider kam dann der nächste Schritt, den man von heutiger Warte aus nur sehr bedauern kann. Die Zuchtbücher wurden geschlossen. Dies bedeutet, dass Züchter nicht mehr auf Hunde aus anderen Rassen zurückgreifen durften, wenn sie als reinrassig anerkannte Hunde züchten wollten, was zuvor zum Wohle der jeweiligen Rasse durchaus üblich und statthaft war. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass die Schließung der Zuchtbücher im 18. Jahrhundert stattfand, wo man von den Auswirkungen für die gesamte Hundezucht noch keinen blassen Schimmer hatte, weil die Genetik als Wissenschaft noch gar nicht bekannt war. So wurden Rassen, die früher nicht getrennt betrachtet wurden, einfach aufgespalten, wie beispielsweise die Pinscher und Schnauzer. Selbst sie durften nicht mehr untereinander vermischt werden.

Der einst so vielfältige Genpool wurde also im Verlauf der Zeit immer mehr aussortiert und aufgespalten. Wechselnde Moden, aber auch Kriege ließen immer wieder neue Flaschenhälse entstehen, durch die die Rassen zu gehen hatten. Aus dem einstigen Gen-See "Mischlingsurhund" wurde bildlich gesprochen ein Waschzuber "Arbeitsrassen" an genetischen Möglichkeiten herausgefiltert und aus diesem Zuber wiederum nur mehr ein Eimer "Showhunde-Gene"...

Stellt man sich nun vor, dass das Genom der heutigen Rassehunde - also die Gesamtheit aller Erbmöglichkeiten - aus je einem Eimer voller Bausteinen besteht, so hat man ein gutes Bild. Jedes
dieser Steinchen stellt mindestens eine, meist in sich gefächerte Veranlagungen dar und hat zudem Einfluss auf bestimmte andere Bausteine im Eimer. Je weniger Bausteine aber im Eimer sind, umso weniger Kombinationsmöglichkeiten der Steine untereinander gibt es und umso gleichförmiger wird demzufolge das Bauergebnis. Steine, die einmal aus der Masse des Inhaltes entfernt wurden, sind in so einem geschlossenen System unwiederbringlich verloren. Hierzu zitiere ich Frau Professor Sommerfeld-Stur aus einem Artikel von 10/2014 im Hundemagazin WUFF: "... wenn in einer geschlossenen Population, wie es eine Hunderasse ist, Gene verloren sind, dann ist das ein unwiderruflicher Verlust. Die einzige Möglichkeit, verlorene Gene wieder zu
bekommen ist eine Einkreuzung."

Leider geht mit jeder fehlenden theoretischen Kombinationsmöglichkeit aber auch ein ganzes Stück Gesundheit verloren. Und die Gefahr wächst, dass die Steinchen sich zu krankmachenden Kombinationen zusammen finden.

Früher haben die Züchter gedacht, sie könnten über Inzuchtverpaarungen bestimmte Krankheiten, die verdeckt beständen, sichtbar machen. Eigentlich ist es aber so, dass sie durch das Zusammenführen zwei gleich veranlagter Zuchtpartner eine Krankheit zum Ausbruch brachten, die bei einem Partner mit einer anderen Genvariation gar nicht hätte auftreten können. Je größer die genetische Vielfalt also ist - je mehr Bausteine im Eimer sind - desto größer ist auch die Chance, dass Individuen entstehen, die gesund leben können, weil ihre Genkombination keine Krankheit hervorbringt.

Deswegen ist die genetische Vielfalt von so immenser Wichtigkeit. Und deswegen ist es für unsere Hunde so wichtig, von Engzucht in jeder Form, sei es nun Linienzucht, Inzucht oder Inzestzucht, so weit wie möglich abzurücken, wenn es dabei nur um Gleichmacherei zwecks erstrebter Ausstellungserfolge geht.

Und genau deshalb ist die Auszucht in Fremdrassen längst kein Fauxpas mehr. Sie darf es nach den Erkenntnissen der Populationsgenetik heutiger Zeit nicht mehr sein. Besonders nicht, wenn eine Hunderasse krankt, wie es der Mops in viel zu vielen Fällen am bachyzephalen Atemnotsyndrom tut. Wobei der Mops auch noch  in seiner weltweiten(!) Existenz auf ganzen 50 Ausgangstieren beruht (egal wo er herkommt), wie es eine Studie des Imperial College in London für die 10000 Möpse in seinem Mutterland England belegte - und mit großer Wahrscheinlichkeit in 40% seines Bestandes einfach oder doppelt die Genmutation für eine tödliche Erkrankung (der PDE) trägt.